ANDREAS MARIA SCHÄFER (FOTOBUS): O-TON

Ausstellungs- und Fotoprojekt
AUFTAKT: 28. MRZ 2022 | Erwin Piscator Haus Marburg
FINALE: 12. OKT – 16. OKT | Rudolphsplatz Marburg

STATIONEN DES FOTOBUS IM STADTRAUM UND AM RUDOLPHSPLATZ

Celica Fitz im Gespräch mit Andreas Maria Schäfer (FOTOBUS, AG KUNST)
veröffentlicht am 05. MAI 2022

Lieber Andreas, Du bist, neben dem Engagement in der AG KUNST, auch aktiv dabei verschiedene Projekte zur Fotografie in Marburg umzusetzen. Welche Deiner Projekte laufen gerade im Jubiläumsjahr Marburg800?

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich ein absoluter Netzwerker bin und somit hier im Interview deshalb hauptsächlich in der Wir-Form antworten werde. Denn meine eigenen Projekte sind immer Teil eines Ganzen und können nur dadurch ihre besondere Kraft entwickeln.

Wir haben in diesem Jahr im März bereits zum 9. Mal die Marburger Fototage der vhs und das 4. Photo.Spectrum.Marburg in Stadt und Landkreis durchgeführt. Viele Ausstellungen daraus laufen auch heute noch weiter. Außerdem hat unsere FotoCommunityMarburg diesen Monat nach der Corona-Zeit endlich wieder unsere langjährige Kooperation mit dem Ahrens-Restaurant aufgreifen können und zeigt dort die 18. Ausstellung mit dem Titel „Wir lieben Marburg“. Und natürlich unser ganz großes Projekt „FOTOBUS“. Außerdem kann ich schon mal ankündigen, dass wir für den Herbst gerade in der Planung für ein Fotoprojekt im öffentlichen Raum sind. Dazu aber ein andermal mehr.

Im Projekt .KUNST.LABOR.STADT.PLATZ bist Du als Teil der Marburger Fotografieszene und Vorstand des Vereins KulturNetzwerkFotografieMarburg in der AG KUNST. Einer Deiner Aufgaben liegt auch im Organisationssteam des FOTOBUS, der durch Marburg fährt. Die erste Station war am Erwin-Piscator-Haus im März und das Finale gibt es am Rudolphsplatz im Herbst. Wie ist die Idee entstanden, Fotografie und einen fahrenden Bus zu kombinieren?

Unser Ansatz ist es die Fotografie zu verlebendigen und sie, wie ich immer sage, ein Stück weit aus dem Internet-Tsunami der täglichen Bilderfluten zu erlösen. Dies ist auch Teil des Leitbildes unserer Vereinsarbeit. Deshalb suchen wir ständig neue Präsentationsformen eines niederschwelligen Zugangs zur Fotografie, welche ja von der vernakularen Alltagsfotografie mit Tagebuchcharakter bis zur „Hochkultur“ der Kunstfotografie reicht. Unsere langjährige Erfahrung bestätigt, dass gerade Projekte, welche die Kunst und die Fotografie aufsuchend zu den Menschen bringt, neue Begegnungsmöglichkeiten schaffen. In der Regel, gerade auch bei der sogenannten „Hochkultur“ wird ja erwartet, dass die Menschen zur Kunst kommen, dabei werden aber immer nur bestimmte Szenen bedient und nicht der Künstler im Menschen, wie ihn z.B. Beuys beschrieben hat. Deshalb sind wir eben unterwegs mit einem FOTOBUS, der einerseits Galerie sein kann und andererseits Kristallisationsort für Fotoaktionen im Umfeld.

Was können Besucher_innen im FOTOBUS für Aktionen, Veranstaltungen und Ausstellungen anschauen?

Da wir als Orgateam den FOTOBUS vor allem als Ermöglichungsort für eigene Aktionen der örtlichen Akteur_innen sehen, sind wir hocherfreut welche Potentiale wir schon geweckt haben. Klar, klassisch sind natürlich die Präsentationen der Fotografien vergangener Aktivitäten aus den Vereinen etc.. Aber auch Fotowalks zur Erkundung des eigenen Stadtteils mit einem neuen Blick werden angeboten. Besonders beliebt sind dabei die sogenannten „Fotoschnitzeljagden“. Zwei Kindergärten planen im Moment auch Cyanotypie-Projekte. Fotowettbewerbe zu „Meinem Lieblingsplatz“ werden angeboten und dann im FOTOBUS präsentiert. Besondere Ausstellungen wie z.B. die Astrofotografie unserer Planeten- und Sternenwelt wurden schon gezeigt. Theater-Fotografie wird erlebbar gemacht, also die Begegnung von darstellender und bildender Kunst, u. noch vieles mehr. Es lohnt sich also regelmäßig unsere Website aufzusuchen und in den Programmen zu blättern.

Welche Aspekte waren Euch in der Planung des FOTOBUS besonders wichtig?

Wir wollen vor allen Dingen unseren Unterstützungs-Partnern beim Umsetzen unserer vielfältigen Projekte Verlässlichkeit garantieren. Und deshalb haben wir bereits 2018 dem Kulturamt der Stadt Marburg unser mobiles Projekt für die Außenstadtteile angeboten. Dies hat uns ermöglicht langfristig zu planen und das Projekt weiter zu entwickeln. Uns war für dieses Projekt besonders wichtig, da es die Aufgabe des Kultur- und Bildungsgutes Fotografie grundständig erfüllt. Deshalb freuen wir uns, dass die schon vorliegenden Programme für viele der Stationen genau dies reflektieren und Begegnung aller Kulturbereiche durch das Medium Fotografie schaffen. Die ersten durchgeführten Standort-Programme bestätigen uns die Richtigkeit dieser Idee.

Warum ist es Dir in dem Projekt FOTOBUS wichtig, in der ganzen Stadt und an Standorten aller Stadtteilen Fotoaktionen umzusetzen und die Orte direkt anzufahren?

Neben dem schon oben beschriebenen Grundsatz der Verlebendigung der Fotografie war es uns besonders wichtig ein aufsuchendes Projekt zu realisieren. Ich lebe jetzt seit über 20 Jahren hier in Marburg und meine Erfahrung zeigt, dass die allermeisten kulturellen Veranstaltungen in der Kernstadt angeboten werden. Sicher gibt es viele Gründe warum das so ist, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Aber für ein Stadtjubiläum wie MR800 schien es uns ganz besonders wichtig die Stadt als Ganzes, als Einheit erlebbar zu machen. Dabei wollten wir aber von Beginn an gleichzeitig auch die Identität der einzelnen Außenstadtteile wahren, um so ein Abbild der Marburger Vielfalt zu ermöglichen. Der FOTOBUS als markantes Objekt taucht dabei eben 21-mal vor Ort auf und schafft auch Begegnung der Außenstadtteile untereinander. Ich habe in den letzten Tagen mehrfach von Besuchenden gehört, dass sie bisher noch nie in diesem Stadtteil waren.

In einem Teilprojekt arbeitet Ihr mit dem FOTOBUS mit dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Universität Marburg zusammen zum Thema Dialekte. Welche Rolle spielt das Zusammenkommen Wort und Bild, Klang und Foto in diesem Teilprojekt?

Sehr früh haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Sprachatlas dieses Teilprojekt kreiert. Dabei war uns die Begegnung von universeller Bildsprache der Fotografie mit der örtlichen, individuellen, gesprochenen Sprache ein Anliegen. Einer der Aufgaben von Fotografie ist ja auch das historische Bewahren von „Früherem“. Da immer mehr frühere, gesprochene Dialekte verlorengehen, wollen wir gemeinsam mit dem Projekt dazu beitragen diese im Originalton zu erhalten. Wenn also vor Ort jemand kommt, um über eine Fotografie im Dialekt zu erzählen haben wir diese Bewahrung erreicht. Am 12. Oktober wird dann eine Ausstellung im Forschungszentrum eröffnet, in welcher die Fotografien mit den Tondokumenten zusammen präsentiert werden.

Ihr kombiniert vieles im FOTOBUS: Ausstellungen von Fotografien, Kurse zum Fotografien und Ihr integriert auch ältere Fotos, die Besucher_innen mitbringen können. Stadtgeschichte trifft auf aktuelle fotografische Technik und Kunst. Wie kombiniert Ihr diese unterschiedlichen Ansätze zwischen Präsentieren und Mitmachen, zwischen Tradition und Gegenwart, Erinnerungs- und Familienfotos und partizipativen künstlerischen Experimenten?

Die bildende Kunst – zu der teilweise auch die Kunstfotografie gehört – benötigt ja für die Wahrnehmung vor allen unsere Augen und unsere Herzen. Beides zu öffnen sehen wir als eine Kernaufgabe von KNFM e.V.. Aus eigener Erfahrung können wir feststellen, dass dies immer dann gelingt, wenn im Gespräch Fragen zur Bildgestaltung auftauchen. Jeder Fotografierende beginnt in der Regel als Knipsender d.h. einfach auf den Auslöser drücken. Irgendwann kommt man aber an den Punkt, dass man die Aufnahme gestalten will. Zu diesem Zeitpunkt taucht man mehr oder weniger unbewusst in den Bereich der Kunstgeschichte ein und nähert sich der Kunst im Allgemeinen an. Unser Ansatz ist, auch aus der Erfahrung sehr vieler Fotografiekurse, dass wir die künstlerischen Potentiale in den Menschen dadurch wecken, dass wir sie bei ihren bisherigen Fähigkeiten abholen und ihnen nicht mit akademischem Wissen versuchen Kunst überzustülpen. Hier sei noch einmal Beuys zitiert „In jedem Mensch steckt ein Künstler“. Diesen aufzuwecken gelingt uns durch die Kombination der in deiner Frage aufgeführten unterschiedlichen Ansätze.

Der FOTOBUS hat inzwischen bereits mehrere Stationen angefahren, wie waren die Rückmeldungen bisher?

Bereits im Vorfeld in den Sitzungen der Ortsbeiräte oder den Vereinsversammlungen zu denen wir eingeladen wurden stieß die Idee schon auf eine große Resonanz. Zum einen deshalb, weil die Verantwortlichen der Stadt die Außenstadtteile bei Marburg800 einbinden wollten, zum andern vor allem aber auch weil dies vor Ort mit eigenen Projekten geschehen darf. Bei den bisherigen FOTOBUS-Aktionen bekamen wir folgende Rückmeldungen: Wunderbar, dass diese Möglichkeit geschaffen wurde. Gelungener Präsentationsort für Ausstellungen. Sehr schön im Ort dadurch wieder intensiver ins Gespräch zu kommen. Fotografie verbindet doch wirklich die Menschen über die Generationen hinweg. Ich habe meinen Stadtteil ganz neu entdeckt.

Das Finale der Stationen und Aktionen des FOTOBUS wird im Oktober am Rudolphsplatz stattfinden. Mit welcher Aktion wird der FOTOBUS an KUNST.LABOR.STADT.PLATZ teilnehmen? Gibt es bereits konkrete Pläne, die Du uns verraten kannst?

Ja, die gibt es wohl. Zwischen dem 12.-16. Oktober wird der FOTOBUS zum Abschluss seiner Tour wieder in die Kernstadt zurückkehren und in der Nähe des Rudolphsplatzes eine Fotokunst-Ausstellung präsentieren. Zurzeit läuft dazu bei den Mitgliedern der FotoCommunityMarburg und des KulturNetzwerkFotografieMarburg eine interne Ausschreibung (übrigens wer die nächste Zeit noch Mitglied wird kann auch daran teilnehmen). Der Titel lautet „Marburg800 – Mit der Kamera entdeckt“ wir werden die eingereichten Werke von einer externen Fachjury auswählen lassen und freuen uns sehr damit unseren Kunstbeitrag für KLSP leisten zu dürfen.

Du bist selbst Fotograf und widmest Dich unter anderem auch der Streetphotography. Was reizt Dich am Rudolphsplatz?

Der Rudolphsplatz ist für mich ein besonderer Ort. Dort halten sich immer wieder ganz besondere Menschen auf. Durch KLSP erfährt der Platz gerade eine Verwandlung und dadurch die Möglichkeit von vollkommen neuen Begegnungen. Menschen die bisher z.B. den Rudolphsplatz regelrecht gemieden haben suchen ihn nun aktiv auf. Gleichzeitig entsteht ein Dialog mit denjenigen vor Ort, die bisher schon den Rudolphsplatz aufgesucht haben. Für mich als Fotograf sind gerade solche Verwandlungsprozesse besonders spannend und interessant. Gerade die urbane Fotografie, wozu ja auch die Streetphotography zählt, hat ja die Aufgabe eines historischen Gewissens. Dies zeigt sich schon in den Werken der Fotograf_innen aus den Anfangsstunden der Fotografie und kommt uns heutigen Fotograf_innen auch weiterhin als verantwortungsvolle Aufgabe zu. Auch in diesem Kontext schaffe ich meine fotografischen Aufnahmen.

Was passiert mit den Fotos, Ausstellungen und Ergebnissen des FOTOBUS nach dem Jubiläumsjahr? Wird es weitergehen, eine Dokumentation geben oder steht das direkte Mitmachen in diesem Jahr im Zentrum?

Natürlich stand und steht das direkte Mitmachen beim FOTOBUS im Zentrum dieses Jahres. Wir haben aber auch schon bei den bisherigen teilnehmenden Stadtteilen gehört, dass der Wunsch nach Verstetigung solcher Foto-Aktionen vor Ort entstanden ist. Wir sind überzeugt, dass das viel gequälte Wort der Nachhaltigkeit hier in einigen Bereichen zur Geltung kommen wird. Wir vom KNFM stehen dafür gerne beratend und unterstützend zur Verfügung. Wir hoffen auch sehr, dass dadurch Photo.Spectrum.Marburg weiter wachsen kann. Außerdem arbeiten wir gerade an einem Layout für eine Dokumentation, die im Nachklang des Projektes Ende des Jahres druckfertig zur Verfügung stehen wird.

Im Jubiläumsjahr ist unser Projekt .KUNST.LABOR.STADT.PLATZ Teil von Marburg Erfinden. Auch die Idee zu künstlerischen Projekten am Rudolphsplatz ist Teil des Experimentierfeldes und einer Zukunftswerkstatt. Wie schätzt du das aus deiner Erfahrung mit der Fotografie ein: Verändert sich ein Ort, wenn man ihn durch die Fotografische Linse erkundet hat?

Unbedingt! Der fotografische Blick schult das Sehen und öffnet die Wahrnehmungsfähigkeit des Fotografierenden im Allgemeinen. Die Begegnung der verschiedenen Künste, die sich in den nächsten Monaten am Rudolphsplatz zeigen werden unterstützt diese Wahrnehmungsfähigkeit, wenn ich mich als Fotografierender dazu öffne und nicht beim technischen Fotografieren stehenbleibe. Wie oben schon mal angeführt, schafft die Fotografie die herausragende Möglichkeit mich der bildenden Kunst anzunähern und sie in meine Möglichkeiten zu integrieren. Gerade das aktuelle Projekt „Licht und Schatten“ thematisiert doch im Besondern die Begegnung von Fotografie mit dem Sehen des Betrachtenden, ein herausragendes Projekt wie ich meine. Also zusammenfasend gesagt, der Ort wird sich in diesem Jahr verändern, was sich davon langfristig für den Ort entwickelt und für die KUNST in Marburg insgesamt, wird vor allem auch daran liegen, ob die KUNST-AG den Willen hat über das Jahr hinaus gemeinsam weiterzuwirken.

In diesem Sinne liebe Celica, danke ich dir für deine Fragen und hoffe, dass wir alle gemeinsam den Geburtsimpuls lebendig zum Wachsen bringen.

Danke für den spannenden Einblick in die Ausstellungen und Projekte rund um den FOTOBUS!

LINK

knfmev.de
marburg.de: Bericht über das Projekt FOTOBUS der Stadt Marburg
fotocommunitymarburg.de